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Category: Kunst - Schöne Literatur
Editor: Stäubli AG
Pages: 192
ISBN: 3-7-266-0002-7
Location: Zürich
Year: 1982
N° catalog: E0040

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Written by Super User

Die Musik spielte im alten China eine hervorragende Rolle. Das geht schon daraus hervor, dass die Fürsten zu ihren eng sten Beratern auch einen Musikmeister zählten. Dieser hatte meistens den Rang eines Ministers.
Es schien mir deshalb lohnend, Texte aus den wichtigsten klas sischen Schriften des ersten Jahrtausends v. Chr. in einem Büchlein zu vereinigen.
Wer nun allerdings erwartet, er werde sich auf Grund dieser Texte eine konkrete Vorstellung von Form, Klang und Gestalt der alten chinesischen Musik machen können, wird leider enttäuscht sein. Die Schriften sagen nicht, wie die Musik war, sie erklären nur, was sie war.
Musik war im konfuzianischen Verständnis viel mehr und zugleich viel weniger als Kunst, wie wir sie hier und heute ver stehen. Viel weniger, indem sie als schönes Handwerk ausge übt wurde, so wie etwa gebildete Damen früher meisterhafte
Stickereien anfertigten. Viel mehr, indem sie ein entscheiden des Mittel der Fürsten war, die Regierung auszuüben, d. h. das Volk im guten Sinne zu beeinflussen, zu leiten und so Frieden und Zufriedenheit zu sichern.
Nach dem konsequent herrschenden dualistischen Prinzip ent sprach die Musik dem YANG, dem Schöpferischen und dem Licht. Ihr Gegenpol waren die Sitten, die dem YIN, dem Empfangenden und Dunklen entsprechend, untrennbar mit der Musik verbunden sind.
Musik wird zwar der Fröhlichkeit gleichgesetzt, was in der Tatsache, dass Musik (YUE) und Fröhlichkeit (LE) mit dem glei chen Schriftzeichen dargestellt werden, deutlich zum Aus druck kommt; sie ist aber so wenig nur Unterhaltung, wie die Fröhlichkeit Zerstreuung wäre.
Die alte chinesische Musik erschöpft sich auch nicht in der Tonkunst. Sie umfasst vielmehr als «Gesamtkunstwerk» gewissermassen die Dichtung, den Gesang, Orchestermusik und den Tanz. Sie ist immer und ausdrücklich Programmmusik, inder alles, von der Tonart bis zu den Bewegungen der Tänzer, eine u n miss verständliche Aussage bedeutet.
Ihr kosmologisches Fundament reicht so tief, dass das ganze Tonsystern auf dem Verhältnis von 3 : 2 beruht, wobei 3 dem halbkugelförmigen Himmel (3 ist ungefähr π) und 2 bzw. 4 der quadratisch stilisierten Erdoberfläche entspricht. Aus diesem Zahlenverhältnis erhielt man den Quintenzirkel lange vor Py thagoras, indem man von einer Bambuspfeife mit der Länge 3
4 = 81 ausgehend alle anderen Töne fand. Das Längenver hältnis von Pfeife zu Pfeife war immer 3 : 2, bzw. 3 : 4, also eine reine Quinte aufwärts oder Quarte abwärts. Die ersten fünf Töne (Do, re, mi, so, la) bildeten die pentatonische Tonleiter, in der jeder Ton Tonika sein und die auf alle 12 Halbtonstufen transponiert werden konnte. So gab es Go mögliche Tonarten, was wiederum dem 6o-Jahr-Zyklus entspricht. Es gab männ liche YANG-Töne und weibliche YIN-Töne. Die Töne standen in Beziehung zu den Monaten und zu den Himmelsrichtungen, im System der fünf Elemente, der fünf Tugenden, der Geschmacksrichtungen, Gerüche, Kornarten, Tierarten, Farben usw.
Die Übersetzung so alter Texte bringt natürlich mannigfache Probleme, und in vielen Fällen gehen die Interpretationen der Sinologen in China und Europa auseinander. Der leichteren Leserlichkeit halber wurde aber auf Hinweise auf andere Les arten verzichtet.
Die deutsche Fassung hält sich, soweit es immer möglich war, an den Duktus der Vorlage, und Ausdrücke wie «Himmels- sohn» für das Oberhaupt des chinesischen Reiches, «zehntausend Dinge» für «alles», «zwischen den vier Meeren» oder «unter dem Himmel» für das Reich, «hundert Dinge» oder «hundert Familien» für eine Vielzahl usw. wurden bewusst übernommen.

Die chinesischen Kalligraphien sowie wertvolle Anregungen und Hilfe bei der Deutung schwieriger Textstellen verdanke ich meinem Lehrer und Freund GOH SEE-Kow.

 

Robin P. Marchev

Januar 1982

 

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